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Unvollendeter Entwurf und Einladung zur Mitgestaltung an einem universalen

Menschenbild

 
Grafik Mensch

 
Der Mensch ist ein denkendes Tier.
 

Gliederung:

1. Vorwort zum Text
2. Der Mensch denkt
3. Der Vorgang der Erkenntnis
4. Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis
5. Ethik und Relgion
6. Humanität und Humanismus
7. Schlusswort zum Lebenssinn



1. Vorwort zum Text

"Der Mensch, ein denkendes Tier?", wird sich der Leser fragen. Ob der Mensch nun Tier ist oder nicht, ist - wie die Frage nach Gott oder der Freiheit - eine nicht nur sehr schwer, sondern auch nur widerspüchlich zu beantwortende; dem bin ich mir bewusst. Doch es soll ein Menschenbild formuliert werden und ich bin der Meinung, dass sich das menschliche Verhalten wohlmöglich einfacher studieren lässt, wenn man ihn anfangs als Tier betrachtet. "Der ist doch wirr!", sagt der Leser nun. Doch diese Feststellung, lieber Leser, überlasse nur mir selbst. Probiere es einfach aus: Betrachte das Verhalten Deiner Mitmenschen, studiere auch Deine Entscheidungen, die Gründe für Dein Tun und Lassen. Sagst Du mir auch jetzt noch, dass der Mensch dem Tier überhaupt nicht gleicht? Sieh Dir z.B. manche Politiker an, die - wenn sie bestimmte Wörter hören - plötzlich - wie bei einem Pawlowschen Reflex - nur noch versuchen, ihre eigene Person zu profilieren und dabei selbst die höchsten Ziele ihrer Partei vergessen. Wie gesagt: Eine recht seltsame und eigenartige Frage. Aber es geht zum Glück nicht darum, ob der Mensch Tier ist oder nicht - was meines Erachtens auch nur Wortspielereien sind. Es soll - wie gesagt - ein Menschenbild formuliert werden und ein solches Bild wird nicht einfach so durch einen Text verwirklicht (allenfalls grob thematisiert und als Alternative dem Gemüt des Lesers - bewusst oder unbewusst - zugänglich gemacht). Genauso, wie es nicht genügt, die Gemeinschafts-Schädigenden (Asozialen) Tendenzen nur zu betrachten, um sie aus der Welt zu schaffen und so den Gemeinschafts-Fördernden (Sozialen) Innovationen den Weg zu bereiten, so reicht es ebenfalls nicht aus, sich nur mit einem neuen Menschenbild vertraut zu machen - es muss "er-lebt" und "ge-lebt" werden.

Es gilt also ein universales Menschenbild zu skizzieren, dass - laut dem Initiator - "nicht nur die Idealvorstellung vom Menschen enthält, sondern auch seine real existierenden Einschränkungen". Okay, ich werde mir Mühe geben; Einschränkungen gibt es mehr als genug und das Ideal werde ich bestimmt auch nicht vergessen."Universal bedeutet hier", sagt der Herr Kuhr weiter, "als Grundlage diejenigen Merkmale des Menschlichen zu berücksichtigen, die für alle Menschen in gleicher Weise maßgebend sind, um damit das gemeinsam Verbindende bewußt zu machen". Hier wird es schon um einiges komplizierter, weil ich als Mensch nur von meiner eigenen Persönlichkeit ausgehen kann. Denn die Objektivität (hier kommt gleich die erste Einschränkung) endet meines Erachtens an der Haut, bei den Augen und den Ohren - könnte man so zu sagen. Trotzdem werde ich versuchen, den Aufsatz so objektiv wie möglich zu verfassen und die subjektive Meinung möglichst zu vermeiden. In der Hoffnung, dem einen oder anderen Leser einige Hilfestellungen oder Alternativen zu seinem jetzigen Lebensstil geben zu können oder einfach nur eine nette kleine Lektüre geboten zu haben, wird der eigentliche Text beim folgenden Abschnitt beginnen.



2. Der Mensch denkt

"Der Mensch denkt.", behauptete ich im Titel. Dies zeigt sich bspw. in der Tatsache, dass er Werkzeuge erfindet und benutzt, welche ihm im Leben hilfreich sind. Er baut sich nämlich deshalb Werkzeuge, weil er nicht sonderlich körperlich stark ist. Und da er auch nach der Geburt über kaum einen Instinkt verfügt (bspw. hat er keinen konkreten Bauplan von einem Nest im Kopf, wie es von vielen Tieren vermutet wird), muss er beginnen, über seinen individuellen Lebensweg nachzudenken - wobei er anfangs freilich viel Unterstützung bekommt und bedarf.

"Eine Spinne verrichtet Tätigkeiten, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut." (Karl Marx, 1818 - 1883)

Menschen haben hier vom Prinzip zwei Möglichkeiten, ihren Lebensweg zu beschreiten: Einmal kann der Mensch an das bereits Gedachte glauben oder er kann versuchen, selbst aktiv denken. Bei der ersten Möglichkeit besteht allerdings die Gefahr, dass die Gedanken, Meinungen und Lehren in Wirklichkeit nur Mittel sind, die ausschließlich dem Selbstzweck des Gedankengebers dienen sollen (bzw. sollten).



3. Der Vorgang der Erkenntnis

Der Mensch ist also ein denkendes Lebewesen. Nur über was denkt er eigentlich nach? (Ich entschuldige mich gleich vorab für die folgende, viel zu allgemeine Darstellung der menschlichen Erkenntnis. Für tiefere Einblicke seien die Versuche von Platon, Aristoteles, Kant, Schopenhauer & Co. empfohlen.)

Die menschliche Wahrnehmung ist subjektiv - was bedeutet, dass sie auf der Sinnlichkeit des Subjekts beruht. Diese Sinnlichkeit ist von vornherein ausschließlich zur Sichtung von Raum (Form der Äußeren Anschauung) und Zeit (Form der Inneren Anschauung) befähigt und kann uns demzufolge nur in dieser Art Eindrücke der Wirklichkeit liefern. Die sinnliche Erscheinung ist jedoch noch nicht die geistige Vorstellung, sondern lediglich ein Abbild der Wirklichkeit, wie sie den menschlichen Sinnen (Haut, Augen, Ohren u.s.w.) erscheint. Die eigentliche geistige Vorstellung, welche uns im Gemüt erscheint, wird durch die Urteilskraft gebildet. Hier wird die sinnliche Erscheinung nach bestimmten Regeln - die dem Subjekt innewohnen und nicht der Erscheinung anhängen - im Verstand geordnet und so das Mannigfaltige der Sinnlichkeit zur Einheit der Erfahrung gebracht. Die Anschauungen werden "verbegrifflicht" und die Begriffe veranschaulicht, es ist das "allgemeine Verfahren der Einbildungskraft, einem Begriff sein Bild zu verschaffen". (Immanuel Kant, 1724 - 1804) Alle uns gegebenen Eindrücke haben also einen rein subjektiven Charakter; sie werden vom Subjekt "gesehen" und "gedacht". (Irgendwann habe ich einmal gehört, dass die Heuschreckenkrebse alle uns bekannten Farbspektren wahrnehmen können. Wie wohl die Wirklichkeit dieser Gattung aussehen mag?)

"Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu empfangen, so fern es auf irgend eine Weise affiziert wird, Sinnlichkeit nennen; so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die Spontanität des Erkenntnisses, der Verstand. Unsre Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als sinnlich sein kann, d.i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen affiziert werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, (d.i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen,) als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d.i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen, oder Fähigkeiten, können auch ihre Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen." (Immanuel Kant, 1724 - 1804)

Nimmt man den Satz, "Der Tisch ist sehr schwer.", so wird von den Sinnen nur erkannt, dass der Tisch ist, d.h. Substanz besitzt, welche im Raum existiert. Die Erscheinung wird im Verstand (nach Quantität, Qualität, Relation und Modalität) geordnet und mit anderen Erfahrungen des Verstandes verglichen. Es wird dabei auch festgestellt, dass sich der Tisch vergleichsweise schwer tragen lässt - der Tisch ist also sehr schwer. Dies ist ein subjektives Urteil. Denn es ist keine Aussage über den Tisch - das Objekt -, sondern eine Aussage über das persönliche Empfinden - die Wahrnehmung des Subjekts. Wenn man sagt, dass der Tisch ein Gewicht besitzt oder dass er genau 5 kg wiegt, dann gilt die Aussage - wegen dem als allgemein-gültig anerkannten Äquivalent - als objektiv. Ein weiteres Kriterium für eine objektive Aussage ist, dass sie sich auf eine sinnliche Erscheinung bezieht. Eine Vorstellung, welcher keine Anschauung zu Grunde liegt, wird als Noumenon (Idee) bezeichnet. Dieses Gegenstück des Phänomenon (Urteil) kann beliebig begrifflich bestimmt werden, da es nur im Denken existiert.

Der Mensch erkennt also weder das "Ding an Sich" (Realismus) - dafür sorgen die subjektiven Zugaben der Sinnlichkeit und die grundlegenden Denkmuster, welche die sinnlichen Erscheinungen in der Erfahrung vereinheitlichen -, noch handelt es sich beim Denken ausschließlich um ein "Reich der Ideen" (Idealismus). Bei der Wirklichkeit (das mit den Sinnen betrachtete) handelt es sich also paradoxerweise um eine subjektive Objektivität.

"Der Begriff des Gegenstandes ist auf das Elektron nicht anwendbar, die ganze Welt um uns existiert nur als Erscheinung in unserem Bewusstsein." (Dr. Hans G. Breßler, in der 1953 erschienenen Schrift "Die Autorität in der Freimaurerei")

"Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann." (Immanuel Kant, 1724 - 1804)

Johann Gottfried von Herder (1744 - 1803) entwarf ein kleines Gleichnis, welches ich hier etwas frei interpretiert wiedergeben werde. Er ging davon aus, dass jeder Mensch ein inneres Seelenbild besitzt. Auf diesem Bild wird der erste Eindruck, den man im Leben vermittelt bekommt, verewigt. Alle weiteren Eindrücke werden jetzt nicht mehr einfach nur auf das Bild gezeichnet, sondern - in Relation zu den bereits gezeichneten Bildteilen - einer passenden Stelle des Bildes zugeordnet. Wenn der Mensch im Leben Entscheidungen fällt, legt er dieses Bild über den aktuellen Eindruck und kann so auf die jeweilige Situation reagieren. Hier bestimmt er meines Erachtens noch, ob das Seelenbild gerade oder quer auf den Eindruck gelegt, d.h. ob die Vorstellung bewusst richtig oder bewusst falsch gedeutet wird. Nur seine Ethik weist ihn auf die richtige Position des Bildes hin. Herder war außerdem der Meinung, dass es sich bei diesem Bild um das so oft beschriebene Licht am Ende des Tunnels handelt. Er dachte, dass dem Sterbenden das gesamte Bild ersichtlich wird und dies der Grund sei, weshalb manche Menschen mit einem Lächeln in die Ewigkeit übergehen. Ein wirklich schöner Glaube.



4. Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis

Nach dieser kleinen Einführung in die Erkenntnis kann man durchaus sagen, dass jeder Mensch über sein eigens interpretiertes Weltbild nachdenkt. Bspw. ist für den einen Menschen das Glas halb voll, für den anderen halb leer - oder auch so, wie es sich ein tauber Mensch denkt, der noch nie im Leben ein gesprochenes Wort gehört hat.

Da der Mensch nicht nur über sein Umfeld urteilen kann, sondern auch über sich selbst, ergeben sich für ihn einige Fragen, auf die später im Text eingegangen wird. Zuerst einmal ein wenig grundlegende Theorie von Erich Fromm (1900 - 1980): Er veranschaulichte die Entstehung des Selbstbewusstseins anhand seines Idealbildes der elterlichen Menschenliebe.

Als Baby fühlt sich der Mensch vollständig als Teil der Natur, er wird von dieser versorgt, ist eins mit ihr. Der Babymensch wird in der Anfangszeit seines Lebens ausschließlich (im Mutterbauch) und später hauptsächlich vom weiblichen Elternteil (u.a. durch die Milch) versorgt. Er befindet sich im rezeptiven Zustand der Mutterliebe. Nach einiger Zeit beginnt er als Kleinkind die Welt zu erkunden, ist sehr neugierig und lernt - wie man sagt - im Spiel. Dabei tritt dann der männliche Elternteil immer mehr in das Leben des jungen Menschen. Irgendwann wird die Feststellung gemacht, dass man auch "lieb sein muss" um "geliebt zu werden", d.h. es werden bestimmte gesellschaftliche Regeln und Pflichten erkannt. Und da es zu Konflikten führt, wenn man diese Regeln nicht befolgt, werden sie in Anbetracht der Vaterliebe nachgelebt. Durch die Synthese von Mutter- und Vaterliebe wird der Mensch irgendwann aus den Zustand der passiven Naturverbundenheit gelöst. Er bemerkt seinen selbstständig-handelnden Willen.

Bei der Selbstreflexion bemerkt der Mensch, dass er ein Mensch ist.

Er erkennt sich als Teil der Menschheit, was eine Spezies auf der Erde ist, diese ein Planet im Sonnensystem u.s.w.. Die Gesamtheit dieser Eindrücke wird in der Regel als Natur bezeichnet, die für das menschliche Gemüt eine Empfindung des Schönen, der Harmonie und Ordnung mit sich bringt. Alles scheint sich in wechselseitiger Beziehung zueinander zu befinden.

Dem Menschen fällt weiterhin auf, dass er neun Monate gemütlich im Bauch seiner Mutter schwamm und danach einen Großteil seines Lebens damit verbrachte, halbwegs selbstständig auf den eigenen Beinen stehen zu können als auch damit, die komplexe Sprache seiner Mitmenschen zu erlernen. Dies Alles benötigt er, um sich im Leben zurecht finden zu können. Denn auch in der menschlichen Gesellschaft befinden sich die einzelnen Mitglieder in wechselseitiger Beziehung; der Arzt hilft bei Krankheiten, der Bauer beim Hunger und der Mitmensch beim Gespräch.

Er kann sich auch dem Blickwinkel bewusst werden, aus dem er die Welt betrachtet. ("Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir." Immanuel Kant, 1724 - 1804)

In der Natur wird nicht nur überall eine Harmonie, sondern auch eine bestimmte Entwicklung sichtbar. Eine Blume sprosst aus einem Samen, danach blüht sie eine Zeit lang um letztendlich zu verwelken. Der Sonne geht es ähnlich - dem Menschen auch. Was gemeint ist: Da die menschliche Erkenntnis auf dem Verständnis der Kausalität, des Raumes und der Zeit basiert, kann der Mensch seine individuelle Endlichkeit erkennen.

Er kann also erkennen, dass er zu einem ihm unbekannten Zeitpunkt unweigerlich aus dem Leben gerissen wird (memento mori! denke an den Tod!) und somit nicht oder eher keinesfalls der unbedingte Mittelpunkt des Universums ist. ("Erhaben ist also die Natur in derjenigen ihrer Erscheinungen, deren Anschauung die Idee ihrer Unendlichkeit bei sich führt." Immanuel Kant, 1724 - 1804)

Der Mensch ist laut Arthur Schopenhauer (1788 - 1860) ein "animal metaphysicum" - ein Tier, welches das Wesen der Wirklichkeit erfassen möchte und zwar am besten lückenlos und vollständig. Dadurch scheint er sich vom Rest seines lebendigen Umfelds zu unterscheiden. Denn dieses vermag es, sich irgendwie wie von selbst zu organisieren, keines ist dem anderen hinderlich und der Instinkt verbietet es scheinbar den meisten Gattungen, ihr Umfeld oder sich selbst zu zerstören.



5. Ethik und Relgion

Dem Menschen scheint sein Ziel nun nicht so klar vor Augen zu liegen. Er fragt sich nach dem Grund seines Daseins und vor allem nach der Möglichkeit zur Rückbindung an das Weltganze, an die Natur. Und hier kommen wir zu den besagten Ideen, die nie konkret mit dem Sinnen betrachtet wurden und einen rein subjektiven Charakter besitzen.

"So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit Anschauungen an, geht von da zu Begriffen und endigt mit Ideen." (Immanuel Kant, 1724 - 1804)

Weshalb braucht der Mensch (oder eher wie kommt er auf) solche Ideen - die ausschließlich in ihm "gültig" sind? Vermutlich ereignete es sich so: Der erste Mensch, der den Versuch unternahm, die Harmonie der Natur zu begreifen, um sie tief in seinem Gemüt (d.h. in seinem Verständnis für Moral) zu verinnerlichen, musste feststellen, dass er für diesen höchsten Zusammenhang in seiner Linguistik keinen Begriff finden konnte. Diese ernüchternde Feststellung bewegte ihn dazu, sich der Sprache der Symbole zu bedienen.

Der einzelne Mensch ist nunmal nur ein winziger Teil der Menschheit, diese wiederum eine Spezies auf der Erde. Die Erde ein Planet im Sonnensystem und das Sonnensystem u.s.w.. Hier hört's bald auf! Denn da der Mensch eben nur ein so winziger Teil im Kosmos ist, in seinen Fähigkeiten auch nur einen relativ unscheinbaren Wirkungskreis besitzt (aber er besitzt einen!), sich in seinem kurzen Leben nie alles mögliche Wissen aneignen kann und selbst über die Richtigkeit seiner empirischen (d.h. erfahrungsbedingten) Thesen nie 100%ige-Gewissheit elangen wird, so dachte sich die Natur, dass der Mensch mit seinem subjektiv-sinnlichen Erkenntnisvermögen ausreichend bedient ist. Wo der Bereich des Phänomenalen aufhört, beginnt also das Reich des Noumenalen. D.h. so wie der Verstand das Mannigfaltige der sinnlichen Erscheinungen in der Erfahrung ordnet, so versucht hier die Vernunft den "Verstand mit sich selbst in durchgängigen Zusammenhang" (Immanuel Kant, 1724 - 1804) zu bringen.

Und da diese Ideen einen rein subjektiven Charackter besitzen, so war es unsinnig, die sogenannte theologische Idee der Religion zu einem allgemein-gültigen Dogma erheben zu wollen. Die Frage nach dem "Gottessymbol" oder "höchsten Zusammenhang" entsteht durch das individuelle "Erleben" verschiedener Erscheinungen in der Natur und wird demzufolge von jedem Menschen unterschiedlich beantwortet werden (nur lässt sich's mit Worten nicht bis "kaum" ausdrücken). Man sieht, dass jeder Planet auf seiner eigenen Bahn kreist, ohne seinen Gegenüber dabei zu behindern - überall wird eine Harmonie sichtbar. Das bemerkt der Mensch und der Mensch kann versuchen, dieses "geheime Gesetz", die "Harmonie der Natur", mit seinen Sinnen bewusst zu erleben, um den richtigen Lebensweg für sich zu erahnen. Gewisse Regeln der Knigge und diverse Gesetzestexte geben hier einige Orientierungen; auch gibt es bestimmte kulturell-vorbestimmte konfessionelle Weltbilder, die sich einem als alternative Möglichkeiten anbieten.

Übrigens darf man auch oder gerade bei einem Bekenntnis zu einem konfessionellen Weltbild das allumfassende Gefühl der Verbundenheit zur Menschheit keinesfalls verlieren (gemeint ist der religiöse Extremismus, das dogmatische "Für-Allein-Wahrhalten"). Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) erkannte die Gefahr, "dass das Mittel, welches die Menschen vereiniget, um sie durch diese Vereinigung ihres Glückes zu versichern, die Menschen zugleich trennet". Denn wenn die Menschen ihre natürliche Individualität als etwas Trennendes erachten, dann würden sie "einander ebensowenig mit unbefangenem Gemüt begegnen können", "als blosse Menschen gegen blosse Menschen, sondern" stets "als solche Menschen gegen solche Menschen, die sich einen gewissen geistigen Vorzug streitig machen und darauf Rechte gründen, die dem natürlichen Menschen nimmermehr einfallen könnten".

Die Unterschiede der Lehren der "kulturell-vorbestimmten Konfessionen" bzw. die der "individuell-selbstbestimmten Religionen" entstehen nicht deshalb, weil die eine unbedingt "Richtig" oder die andere unbedingt "Falsch" ist. Die Unterschiede sind wohl eher durch die verschiedenen Klima- bzw. Vegetationszonen der Erde und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten zur zivilen Sozialisation des Menschen zu erklären. Es gilt sich auf das gemeinsame Wesen, den ursprünglichen Zweck zu besinnen, der jeder wirklichen Religiösität innewohnen muss - die verantwortungsbewusste Rückbindung des Menschen an das Weltganze. Ist dies nicht der Fall, dann unterliegt jede religiöse Überzeugung dem "Schicksale menschlicher Mittel", dass "sie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht entsprechen, sondern auch wohl gerade das Gegenteil davon bewirken". (Gotthold Ephraim Lessing, 1729-1781)

Man sollte aber nicht das ganze Leben nur nach den Lebenssinn suchen bzw. gar darauf warten, dass er einem konkret offenbart wird. Vielmehr sollte man versuchen, seinem Leben - mit den Möglichkeiten, die einem als Menschen zur Verfügung stehen - selbst einen Sinn zu geben.



6. Humanität und Humanismus

Als wir den Menschen betrachteten, stellten wir fest, dass es neben der Individualität auch gewisse gemeinsame Merkmale - eine Art grundlegendes Menschenwesen - gibt. Ich nahm mir im Laufe des Textes die Freiheit, dieses Menschenwesen als denkendes, gesellschaftliches, teilweise trieb-, überwiegend gefühlsgesteuertes und endliches Tier zu bezeichnen. Und das "Tier im Menschen kann nicht ausgerottet werden. Daher muss diesem Tier ins Auge gesehen und mit ihm gelebt werden." Damit meinte Sigmund Freud (1856 - 1939): Erkenne dich selbst und übernehme die selbstbestimmte Steuerung. Diese Selbsterkenntnis führt zur Frage nach dem Sinn des Lebens, nach einem höheren Ideal.

Ein solches Ideal ist das des Humanismus; ein Ideal, da es nicht in der Realität existiert und demzufolge angestrebt werden muss. Unter Humanität versteht man die allgemein-grundlegenden Anlagen des Menschen und unter Humanismus die Kultivierung dieser Anlagen.

Diese Arbeit der Lebenskunst erfordert eine verantwortliche, bewusste Menschlichkeit. ("Die Tendenz der Menschennatur faßt ein Universum in sich, dessen Aufschrift ist: 'Keiner für sich allein, jeder für alle, so seid Ihr alle euch wert und glücklich!' Eine unendliche Verschiedenheit, zu einer Einheit strebend, die in allen liegt, die alle fördert. Sie heißt, ich will's immer wieder wiederholen, Verstand, Billigkeit, Güte, Gefühl der Menschheit." Johann Gottfried von Herder, 1744 - 1803)

Eine ganzheitliche Menschenliebe, die sich in alle Richtungen gleichmäßig ausbreitet, ist ebenfalls notwendig. (Verständnis und objektive Anerkennung - gemeint ist nicht nur das äußere Bild sondern stets auch den inneren Mitmenschen zu achten - sind für eine tiefgreifende Ruhe, die nicht nur während einer kurzen Phase der Entspannung anhält, unabdingbar. "Man darf trauern über den Glauben eines anderen, aber niemals darf man ihn verlachen." Joseph Joubert, 1754 - 1824)

Weiterhin drückt sich der Humanismus durch eine ganzheitliche Weltanschauung und nicht durch eine nur kleinbürgerliche Betrachtung des unmittelbaren Umfelds aus. ("Was mir zutiefst zuwider ist, existiert für mich nicht minder als das, was ich liebe." Hermann Hesse, 1877 - 1962)

Selbstverständlich sollte sich jeder einzelne Mensch frei und bestmöglich nach seinem eigenen Empfinden entwickeln können ("Die Hälfte des Lebens verbringt der Mensch damit, die falschen Vorstellungen seiner Vorfahren loszuwerden; die andere damit, seinen Kindern falsche Ansichten beizubringen." Sir Winston Spencer Churchill, 1874-1965). Und am freiesten lebt er, wenn die einzelnen Menschen durch ihre Verschiedenheit Erstaunen hervorrufen - was durch die subjektive Wahrnehmung notwendigerweise passiert - und die Gemeinschaft - trotz oder gerade wegen dieser Vielseitigkeit - fest zusammenhält.

Zur freien bewussten Entfaltung der eigenen Persönlichkeit gehört die Selbsterkenntnis, das vorausschauende Handeln als auch das Bitten um konstruktive Kritik. Allerdings darf nicht nur auf die eigene Freiheit geachtet werden, sondern auch auf die der anderen Menschen. ("Das Leben und Weben auf und in und um diesen Ameisenhaufen. Welche Geschäftigkeit und doch welche Ordnung! Alles trägt und schleppt und schiebt; und keines ist dem andern hinderlich. Sieh nur? Sie helfen einander sogar [...] Und in einer noch wunderbarern Gesellschaft als die der Bienen. Denn sie haben niemand unter sich, der sie zusammenhält und regieret [...] Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiss: warum nicht?" Gotthold Ephraim Lessing, 1729-1781)

Der menschliche Geist benötigt Nahrung - genau wie der Körper -, sonst wird er schläfrig. Deshalb sollte man auch aktiv Denken und nicht nur passiv Konsumieren. ("Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmüdigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. 'Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!' ist also der Wahlspruch der Aufklärung." Immanuel Kant, 1724 - 1804)

Die Freude am Immateriellen (Materielle Dinge machen durch Mitbesitz ärmer und verleiten zum Egoismus. "Bei allen Begierden muss man sich fragen: Was geschieht, wenn mein Begehren befriedigt ist, und was, wenn es nicht befriedigt wird." Epikuros von Samos, 341 - 270 v.u.Z.) sollte sich mit dem Glauben an die Bildungsfähigkeit des Menschen verbinden ("So ein bißchen Bildung ziert den ganzen Menschen." Heinrich Heine, 1797 -1856).

Schließlich drückt sich der Humanismus durch ein vereintes Menschentum - in einer vereinten Welt - am besten aus. ("Es ist nicht unsere Aufgabe einander näher zu kommen, so wenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer und Land. Unser Ziel ist, einander zu erkennen und einer im anderen das zu sehen, was er ist: des anderen Gegenstück und Ergänzung." Hermann Hesse, 1877 - 1962)




7. Schlusswort zum Lebenssinn

Die Aufgabe des Menschen besteht in der Bildung des Menschen. D.h. der bestmöglichen Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und zwar in größtmöglicher Verbundenheit zur Umwelt. Dazu gehört es vor allem sich selbst zu prüfen, damit man seine eigentlichen Ziele definieren kann, um diese in einem harmonischen Handeln bewusst zu verwirklichen. Das Ideal des Humanismus trägt den individuellen Weg und das allgemeine Ziel bereits im Namen.



Robert Matthees

 
 


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Aktualisiert am 26.06.04
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