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Unvollendeter Entwurf und Einladung zur Mitgestaltung
an einem universalen

Menschenbild

 
Grafik Mensch

 
Homo responsabile

Versuch zu einem Bild des verantwortlichen Menschen

Die gemeinsamen Merkmale aller Menschen werden allgemein als selbstverständlich hingenommen und kaum noch bewußt wahrgenommen, so wie bis vor wenigen Jahrzehnten in den Industrieländern Luft und Wasser in ihrer Beschaffenheit noch als selbstverständlich vorausgesetzt wurden. Das zunehmende Bewußtsein von der Globalität der Menschheit und ihrer Probleme führt nun zwangsläufig zu einer vermehrten Betrachtung von deren Ursachen. Eine grundlegende dieser Ursachen zunehmender Konflikte ist das Bestreben vieler Menschen, ihre Identität nicht in ihrer gemeinsamen, global gültigen und verbindenden Beschaffenheit und Aufgabe, sondern in trennenden Merkmalen einer religiösen, kulturellen oder ethnischen Orientierung zu sehen. Diesem - psychologisch erklärungsbedürftigen - Zustand kann ein allgemeinverbindliches Menschenbild Abhilfe schaffen, indem es das gemeinsam vorhandene Verbindende verdeutlicht.

Hier der Übersichtlichkeit wegen nur einige wesentliche Merkmale des Menschen, die zunächst ganz kurz erläutert werden, je nach Bedarf dann ausführlicher behandelt werden können:

 
1. Jeder Mensch ist einmalig

Eigentlich selbstverständlich, ist diese Tatsache jedoch vielen Menschen nicht genügend bewußt und bewirkt dadurch eine gefühlsmäßige Abwehr von vermeintlichen Vereinnahmungen durch übergeordnete Orientierungen. Das mangelnde Bewußtsein von der vorhandenen und unverlierbaren individuellen Einmaligkeit bewirkt oft Angst vor Gleichmacherei. "Wir sind alle Blätter an einem Baum, keins dem andern ähnlich, das eine symmetrisch, das andere nicht, und doch alle gleich wichtig dem Ganzen". (Gotthold Ephraim Lessing)
 

2. Der Mensch ist ein Teil der Welt

Auch diese eigentliche Selbstverständlichkeit ist vielen nicht bewußt, so daß einerseits nach abgrenzender Geborgenheit gesucht und andererseits der Mitwelt, deren Teil sie sind, geschadet wird. Meist werden Kinder zu sehr zur Übernahme und Tabuisierung konfessioneller, kultureller und ethnischer Begrenzungen erzogen, anstatt ihnen eine global orientierte Entfaltung und Verbundenheit zu ermöglichen.
 

3. Der Mensch ist ein Mangelwesen

Diese ebenfalls naturgegebene Selbstverständlichkeit ist wohl die am wenigsten bewußte, weil am unangenehmste, könnte doch durchaus von einer Fehlentwicklung der Natur gesprochen werden. Der Mensch hat im Vergleich zum Tier keinen Instinkt, der ihn unbedingt daran hindert, sich selbst und seine Mitwelt zu zerstören. Ein stärkeres Bewußtsein dieses Mangels ist not-wendig, um der fortschreitenden Zerstörung unserer Mitwelt nachhaltig entgegenzuwirken.
 

4. Der Mensch ist widersprüchlich

Er hat ständig mit äußeren und inneren Gegensätzlichkeiten zu tun, die ihm selbst, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt Schwierigkeiten bereiten. Eine große Schwierigkeit ist oft die Gegensätzlichkeit von Gefühl und Verstand. "Was man besonders gerne tut, ist selten ganz besonders gut." (Wilhelm Busch) Zwar scheinen viele Menschen - besonders Männer - kein Problem mit ihren Gefühlen zu haben, sie erliegen hier aber meist Selbsttäuschungen, weil sie ihre Gefühle allgemein zu wenig zulassen und wahrnehmen. Ursache hierfür ist sehr wahrscheinlich die Tatsache, daß der Mann seine naturgegebenen Triebe in seiner kulturgeprägten Umgebung weitgehend verleugnen und unterdrücken muß. Hier liegt wohl auch die Wurzel der überwiegend männlichen Gewalt.
 

5. Der Mensch ist ein soziales Wesen

Ein mangelndes Bewußtsein von dieser Selbstverständlichkeit führt zu einem Ungleichgewicht von Egoismus und Solidarität.
 

6. Der Mensch ist bildungsfähig

Er hat sogar die Fähigkeit, seine Identität aus sich selbst heraus zu bilden und so eigenständig und unabhängig zu sein.
 

7. Der Mensch ist ein verantwortungsfähiges Wesen

Diese Selbstverständlichkeit, die besonders in der Kindheit spürbar ist, wird in Elternhaus und Schule eher behindert als gefördert und geht dann durch zunehmende Desorientierungen mehr und mehr verloren.
 

8. Das menschliche Leben hat einen Sinn

Sinn menschlichen Lebens ist seine eigene Vervollkommnung. Diese naturgegebene Erkenntnis wird selten angestrebt und erreicht, weil sie mit Arbeit am Selbst verbunden ist und erst dann zu Lustgewinn führt, wenn sie als übergeordnetes Ziel immer wieder ins Bewußtsein gebracht und so verinnerlicht wird.
 

9. Der Mensch ist menschenwürdig

"Die Würde des Menschen ist unantastbar" heißt es in unserem Grundgesetz. Eigentlich müßte es heißen: "... ist sein höchstes Gut",  denn unantastbar ist eine Wunschvorstellung bzw. Forderung. Die Praxis sieht oft anders aus.

10. ...

Bisherige Orientierungen

Bisher werden in unserer Gesellschaft ethische Orientierungen auf christlich-abendländische Werte bezogen, auf die 10 Gebote, auf die Bergpredigt, auf freiheitlich-westliche Grundwerte wie die Menschenrechte. Zum Beispiel:

Die 10 christlichen Gebote

1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
2. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.
3. Du sollst den Sabbattag heilig halten.
4. Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden.
5. Du sollst nicht töten.
6. Du sollst nicht ehebrechen.
7. Du sollst nicht stehlen.
8. Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten.
9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.

Alle diese bisherigen Orientierungen bestehen seit Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten. Sie sind zum Teil nicht universal und vor allem zu wenig auf die bildungsfähige Beschaffenheit des Menschlichen gerichtet. Deshalb gehören diese durch die anfangs genannten gemeinsamen Merkmale ergänzt. Im Unterschied zu Ge-boten seien nachfolgend neue, unserer gesellschaftlichen Entwicklung entsprechende Grundsätze oder besser noch Selbstverpflichtungen bzw. Aufträge an uns selbst - hier in zwei verschiedenen Formulierungen - genannt:

  1. Ich will mich als Teil meiner
    Mitwelt erkennen und fühlen.
     
  2. Ich will meine Mitwelt achten
    und fördern wie mich selbst.
     

  3. Ich will wahrhaftig sein.
     

  4. Ich will ganzheitlich leben.
     

  5. Ich will verantwortlich sein.
     

  6. Ich will Großmut üben.
     

  7. Ich will um Ausgleich bemüht sein.
     

  8. Ich will mir Zeit lassen.
     

  9. Ich will nach Einfachheit streben.
     

  10. Ich will freundlich sein.

  1. Ich erkenne und fühle mich
    als Teil meiner Mitwelt.
     
  2. Ich achte und fördere mich
    selbst und meine Mitwelt.
     
  3. Ich bin wahrhaftig.
     
  4. Ich lebe ganzheitlich.
     
  5. Ich bin verantwortlich.
     
  6. Ich bin großmütig.
     
  7. Ich bemühe mich um Ausgleich.
     
  8. Ich lasse mir Zeit.
     
  9. Ich strebe nach Einfachheit.
     
  10. Ich bin freundlich.

Es geht um Menschenbildung! "Mit schlechten Gesetzen und guten Beamten läßt sich immer noch regieren. Bei schlechten Beamten aber helfen uns die besten Gesetze nichts." (Otto von Bismarck, an Wagener 1850) - Neuorientierung ist nötig!

 

Ein Bekenntnis zum Humanismus als ethische Orientierung
ist die Erklärung der Bereitschaft, sich dem Anspruch
des Menschseins zu stellen.



Rudolf Kuhr

 
 


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Aktualisiert am 28.01.04
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